„Achter Mörmajje“

 

Vor Zeiten, als ich mir noch an den „Rickern“ der Wilberger „Kämpe“ die Hosen zerriss, bestand die Welt aus Wäldern, Feldern und Wiesen, die das Dorf mitsamt der „Becke“ im Tal umkränzten. Ganz am Rand der Welt gab es zwar noch das geschniegelte Meinberg mit seinen feinen Kurhäusern, wo man die Wiese dummerweise mit unnützen Blumen bepflanzte anstelle von ordentlichen Kartoffeln, Kappes, Wurzeln oder Runkeln. Schon wegen seiner Arroganz gemieden, war der Ort kein Gegenstand besonderer Wahrnehmung. Ausserdem wusste ich natürlich schon, dass es noch Horn und Detmold gab, allein wegen der Eisenbahn, die ich vom Fenster meines Heimathauses täglich auf und ab fahren sah, von Detmold nach Horn und von Horn nach Detmold. Ebenso wusste ich bereits, dass Horn, Detmold und Paris die größten Städte der Welt waren, die vernünftigen Menschen wie den Wilbergern allenfalls ihre nebulose Entrücktheit vorgaukeln konnten.

So blieb denn das Dorf zwischen den Wäldern für den eingeborenen „Purk“ der Mittelpunkt des Kosmos und alles, was etwa jenseits dieses Paradieses noch existieren könnte, kam, wenngleich nur gelegentlich, in den Sack der Erfahrungsdefizite und wurde für ein ungewisses Später aufbewahrt.

Das Dorf besaß nämlich eine spezifische Aura, wie sonst nichts auf der Welt. Alles Fremde brachte Unordnung in dieses einzig dastehende Gefüge. Da waren die großen Höfe und die Mühlen, etliche Kleinhäusler, weiträumige Deelen mit dem hohlen Klang der Stimmen und dem Stalldunst von Schweinen und Heu. Der Pflug, der Leiterwagen, der Mähdrescher, das Dengeln der Sense oder ein träge dahinschlurfendes Kuhgespann, dann wieder stramm auftretende, klappernde Pferdehufe. Das alles war original Wilbergisch. Und wo sonst gab es schon Kämpe mit echt Wilberger Rindviechern mitten im Dorf? Selbst die Hühner, die seinerzeit noch im Freilauf unterwegs waren, stolzierten mit unverkennbar Wilberger Selbstwertgehabe erhobenen Kammes durch Gärten und Büsche. (Leider ignorierten sie gern die neumodischen Regeln auf der Dorfstraße, und all zu kecke kamen unter Umständen wegen grober Fahrlässigkeit unter die Räder und vorzeitig in den Kochtopf). Ferner waren da der windschiefe Schoppen, viereckige Fenster mit weißen Sprossen, die urewig Quadrate verbiegenden Balken des Fachwerks, die ästhetisch signifikant auf dem Dach eines Stalles beharrlich querulant ruhenden Ziegel, die schiefen Fugen zwischen den Brettern der Deelentore. Alles Wilbergisch, auch die Stichlinge in der Becke und die freundlich über das Hausgarten-„Stackett“ nickenden Dahlien, endlich die dunklen Fladen, Produkte erfolgreicher Verdauung des traulichen Rindviehs auf allen Wegen! Ja, selbst die sommerreifen Roggenfelder rochen hier anders als im nahen Schönemark oder Schmedissen. Unzweifelhaft, dieses Dorf und seine Flur besaßen eine unverwechselbare kulturelle Physiognomie, eine allgegenwärtige Charakteristik, einen eigentümlichen Atem, ja, es hatte Charisma! Es war Heimat.

Eines Tages aber passierte es: Ein schwerfälliges, nie gesehenes Fuhrwerk holperte über die Dorfstraße, ein großer Kastenwagen mit dieserorts untypischen massigen Pferden, voll bepackt, einschließlich einer unter dem Wagen hängenden zusätzlichen Etage. Und das Unverzeihlichste: es hatte kein Wilberger Ambiente! Ich bestaunte fassungslos das fremde Gefährt und fragte den Vater, dem ich damals schon ein wenig bis über seine Knie reichte:

„Papa, wer ist das?“

„Och jo, dä do? – Jo, dat is Markfritze. Hä is oll wia unnerwejens no Deppel mit süenen Krooms!“

„Nach Detmold? – Und wo kommt der her?“

„O jo, - dä kümmt iut´n Blombärje.“

„Aus Blomberg? - - Papa, wo ist das?“

„Blombärch? Wo dat is?  - Jo, dat is´n Stücksken achter Mörmajje.“    

Aha, hinter Meinberg also, da gab es auch noch etwas, zumindest Blomberg!

Wenig später einmal schritt ich an der Hand meines Vaters den Grünen Weg heimwärts. Am blauen Himmel summte ungewöhnlich laut eine ungewöhnlich große Mücke.

„Papa, was ist das?“

„Dat do boben? - Jau, seo, dat is´n Flieja.”

“Ein Flieger? - Wohin fliegt der?“

„Jo, - wat sall´k säjjen - vallichte no Berlin.“

„Berlin? wo ist das?“

„Berlin? – Jo, - Berlin, - dat is´ wall ´n düt Stücksken achter Mörmajje.“

Also, das war gewiss, Meinberg lag nicht am Rand der Welt, außer Blomberg gab es noch Berlin hinter Meinberg. Die Gegend begann interessant zu werden. Mehr noch als eines Tages die Rede von einem großen Fluss war, angeblich breiter als die Becke im Dorf und deshalb auch Weser hieß, und wo ein großes Unglück stattgefunden hatte. Ich und meine Neugier waren sogleich dabei.

 „Papa, wo ist die Weser?“

„Junge -  dä licht ´nen Enne achter Mörmajje.“

Dacht´ ich mir´s doch! Es musste einen ganzen Erdteil hinter Meinberg geben! Die Entdeckung beschäftigte mich fortan und ich trachtete insgeheim, mehr Beweise dieser These zu finden. Ich musste nicht lange warten. Die Eltern besprachen mit einem Nachbarn eines Abends ein bevorstehendes Ereignis, den Markt zu Wilbasen. Wunderlich musste es da zugehen, von Karussellen auf weiten Stoppelfeldern war die Rede, von bunten Buden mit „Kirmes“ – so nannten wir die weiß überzogenen Honigkuchenbällchen, die es sonst nur „auf Meinberger Kirmes“ gab - von Spielzeug, Luftballons, Schießbuden und Kasperltheater, von Landmaschinen und vom Schweinemarkt und - und – ! Der lebhaften Phantasie eines Kinderverstands waren keine Grenzen gesetzt, denn endlich tauchten selbst wilde Tiere auf, Riesen und Zwerge und was sonst noch an Abenteuerlichkeiten darin Platz hatte. Und dann die unvermeidliche Frage, wir kennen sie schon:

„Papa, Wilbasen, - wo ist das?

„Wilbasen?  – Jau - dat is´ chlück achter Mörmajje!“

Wie konnte der geplagte Vater auch ahnen, dass diese seiner Meinung nach für einen dummen Jungen völlig hinreichende Antwort einen Meilenstein in dessen Gedankenwelt setzen würde! Meinberg bekam plötzlich ein anderes Gesicht. Es war mit dem opulenten Wehrturm seiner Kirche und dem bunten Kurpark zum Schlagbaum an der Straße zur Welt geworden, zum Wunderland „achter Mörmajje“. - Und Wilberg?

Später habe ich dann diese solchermaßen verzauberte Welt „hinter Meinberg“ erkundet, hinter Horn, hinter Detmold, hinter Paris, habe ihre Schönheiten entdeckt und – ihre Grausamkeiten erfahren, habe das permanente Aufblühen und Vergehen großer Kulturen rund um die Weltachse bestaunt und den unvermeidlichen Untergang aller Dinge hinterfragt ohne Antwort zu finden. .

Dem äußeren Erscheinungsbild des Kinderkosmos Wilberg wurde indessen im Zeitenlauf zwar ebenfalls einige Gewalt angetan, aber er ist in seinem Inneren geblieben was er war  in der Morgendämmerung des jungen Menschen, für den Augenblick der ersten Wahrnehmung und des Bewusstwerdens aller Erscheinungen, sodann für das unfassliche „Stirb-und-Werde“ künftiger Seinserfahrung, und was er letztlich sein wird: Hort der Wiedereinkehr in sich selbst, in die Heimat.

              

 

G. W. Wilberg, Januar 2005

 

 

 

 

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                                          Grenzgerinnsel

 

Was Meinberg und Wilberg seit alters her verbunden hat ist ein Bach, die Werre, früher „Wehrne“ genannt, für Einheimische aber kurz die „Becke“. Was aber gewisse Wilberger und die Meinberger trennte und häufig Verwirrung stiftete, war ebenfalls ein Gewässer, obwohl bestenfalls nur ein „Gerinnsel“, weshalb es wohl keinen rechten Namen dafür gab. Aber auch ein Gerinnsel kann Komplikationen veranstalten um sich solchermaßen Respekt zu verschaffen, mit erstaunlicher Ausdauer und Hartnäckigkeit sogar in langer Zeiten Lauf  .

Aus nebelgrauer Vergangenheit taucht zunächst dieses „Meynburg(hun) auf. Nicht sogleich an der Becke oder „Wehrne“, aber doch mit sorgfältig gemalten Buchstaben, die gegen Ende des zehnten Jahrhunderts, und zwar zu Zeiten des Liudolfschen Abbatums (965-983) von Mönchen des Weserklosters Corvey zu Pergament gebracht wurden. Jedoch erst viel später, etwa in den Jahren zwischen 1110 und 1120 wird dokumentiert, dass hier in Meynburg die Corveyer Mönche eine „Curie“ besitzen, einen später so genannten „Meierhof“ mit dem besonderen Auftrag, die Naturalabgaben von insgesamt 21 Höfen aus der Umgebung für den Konvent des Klosters zu verwalten. Außer den zwangsläufig damit verbundenen Anstrengungen aber hatten die frommen Patres noch ansässige heidnische Sachsen und zugewanderte Thüringer zum rechten christlichen Glauben zu bekehren und es dürfte ausser Frage stehen, dass sie auf der nahen Anhöhe über Kurie und Wehrne die erste Kirche errichteten. Wie die Überlieferung ferner weiß, gab es am selben Ort Meynburg noch einen weiteren Hof unter Corveyer Ägide und, allen siedlungsstrategischen Erkenntnissen zufolge, muss dieser unweit der Kurie ebenfalls an der Wehrne oder Werre gelegen haben. Wenn nun aber – wie ein schriftliches Zeugnis der gleichen Zeit belegt - der Corveyer Abt Erkenbert (1106– 1128) mehrere neue „Ministeriale“ ernennt – das sind Beamte im modernen Sinne – und diese traditionsgemäß mit einem Hof belehnt anstelle des heute üblichen Gehalts, und wenn nun einer dieser Ministerialen sich Wilburg nennt, so kehr um die Hand und denke, wie kommt wohl der Name Wilburg nach Meynburg? Der Gedanke ist soweit erlaubt, aber Beweise haben wir nicht. Gegenbeweise auch nicht. Also gilt zunächst, was wir wissen: Beide Namen sind Personennamen und beide Höfe bzw. ihre gleichnamigen Zubehörungen oder Fluren lagen und liegen noch heute am Oberlauf der Werre. Und was sie außer dieser Becke damals miteinander verband, war die Herrschaft der Benediktiner vom Kloster Corvey an der Weser.

Gemeinsam treten beide Namen als Ortsbezeichnungen erst wieder gegen Ende des vierzehnten Jahrhunderts auf, jetzt mit suffixoidem „berg“ statt „burg“, also Meynberg und Wilberg, wobei dem Rentschreiber bei „Wilberg“ ein dummes „t“ zwischen „Wil“ und „berg“ unterläuft, was künftig aber nicht mehr vorkommt. Längst sind diese Besitztümer den Corveyern abhanden gekommen, und an ihrer Stelle sonnen sich die Lippischen Edelherren, von jenseits des Waldes herüber gekommen, im Glanz ihrer Eroberung. Meinberg und Wilberg aber sind eine „Gemeine“ geblieben. Was sie trennt, ist lediglich eine Viertelmeile preußisches geographisches Schrittmaß, das sind 1883 Meter. Folgt man dem mäandernden Bach, mag es ein wenig mehr sein. Und außerdem, Wilberg besitzt um diese Zeit, etwa 1392, eine Mühle, wohl eine Windmühle, denn die erste Wassermühle wird erst 1584 erbaut.

So weit, so gut. Aber vergessen wir nicht das „Gerinnsel“, das kleine Siekbächlein, das von den Forsten im „Wilberge“ herab rinnt! Immerhin vermochte es dem Hoppenplöcker in „Becks Grund“ in  der oberen Waldschneise seine Flachsrotte zu füllen und dann weiter unterhalb eine tiefe Kluft in die Erdkruste des Berghangs zu reißen, bevor es in den Talwiesen von der Werre konfisziert wird. Die größte Ehre wurde dem unscheinbaren Gewässer jedoch zuteil, als ihm die neuen Lippischen Edelherren die Funktion einer Grenze zuerkannten! Und damit begann das Dilemma. Vielleicht schon 1285 durch Simon I. und seine Gemahlin Adelheid Gräfin zu Waldeck, die 1339 in Horn ein „Hospital“ oder „Arme-Leute-Haus“ stiftete und dazu ganz privatim den Orden „Zum Heiligen Geist“ bemühte, aber auch den künftigen Lippischen Witwensitz begründete. An diesem Siekgraben im „Knick“, einer im Grenzbereich angelegten natürlichen Hecke, beargwöhnten sich seither nicht allein die Kirchspiele Meinberg und Detmold, sondern auch die Ämter Horn und Detmold. Wollte etwa jemand den Schritt über das Gerinnsel wagen, hieß es nämlich beim „Knick“-Zöllner auf der Meinberger Seite Wegegeld entrichten, und um an solchem „Geschäft“ zu partizipieren, ließ sich gegenüber, im Detmoldischen, ein Böttcher (Fassmacher) oder Bodecker nieder und eröffnete einen „Krug“, den nachmals legendären „Ziegenkrug“ im Wilberge. Eine Raststätte für Fuhrleute und Wanderer, die bei einem Hornschen Bier nochmals mit sich zu Rate gehen konnten, ob es sich denn rentiere, gegen blanke Heller das Bächlein und damit die Amts- und Kirchspielgrenze zu überschreiten. Derweil schaute Knick-Christoffel von seiner Kate an „Beerentrups Holz“ schon seit längerem dem Treiben zu, während Schneider Hucht-Johann (später Flake) sich oberhalb von Bodeckers Ziegenkrug ansiedelte, da in der „Herrschaftlichen Waldung der Mastbruch genannt“ (Schönemarker Schweinehude) den „Unterthanen ausgeworfene neue Zuschläge“ amtlich zur Bebauung freistanden. Ihm folgte Brinkbernd am Hang („Brink“) unmittelbar über dem Knick-Zöllner. Nur das vertrackte Grenzgerinnsel trennte sie von Amt und Kirchspiel. Knick-Barthold, Meise und Beckkaspar waren die nächsten Siedler auf Detmoldischer Seite. Das „Dorf“ wuchs partitiv und allein drei „Knick“-Männer drängten sich um die Sektorengrenze im Wilberge. Der Versuch einer „Entschärfung“ dieses Gerinnsels im Knick durch den Bau einer Brücke über die Werre und Verlegung des Wegezolls auf das Süd-ufer des Baches um 1745 – natürlich wieder mit einem unerlässlichen „Krug“, dem „Zollkrug“ -  misslang gründlich, da sich sowohl der Ziegenkrug als auch das Gerinnsel als beeindruckend hegemonial erwiesen.

Selbstredend verstanden sich die Siedler auf dem Schönemarker Mastbruch mitsamt den Bauern und „Stratenern“ (Straßenkötter) entlang der Werre hüben und drüben als Nachbarn und Wilberger. Und ebenso selbstredend erschienen die „Wilberger“ ungetrennt am Sonntag zur Predigt in der Meinberger Kirche. Schließlich sagten sich Ziegenkrüger Bödecker, der Huchtschneider, Brinkbernd und wer sonst noch von der Schönemarker Waldhude, eine Viertelmeile sind eine Viertelstunde Weges bis Meinberg, aber der Fußmarsch bis zur über eine Meile (7,532 km) entfernten Detmolder Marktkirche erforderte auch über eine Stunde kostbare Zeit. Genügte es nicht vollauf, wenn man zu Taufen und Aussegnungen den weiteren Weg auf sich nahm? Mag sein, dass es dem Meinberger Pastor ganz recht war, einigen Schäflein mehr die „Leviten zu lesen“. Es muss der Küster gewesen sein, der hier als erster Einspruch erhob. Schließlich war er der Hauptbegünstigte der von den Wilbergern zu leistenden „Praestanda für die Geistlichen in Meinberg“.         

Von den dortigen Kleinhäuslern erhielt nämlich „der Prediger 4 Eier“ jährlich, der Küster hingegen außerdem 3 bis 5 Groschen und oft noch einen oder zwei Scheffel „Habern“ (Hafer). Solches aber stand von den Schönemarker Wilbergern der Kirche in Detmold zu. Also lag eines Tages diese Angelegenheit dem Konsistorium daselbst zur Schlichtung vor. Die Kirchenbehörde entschied weise und erklärte die Schönemarker Wilberger um 1785 als zum „Kirchspiel Meinberg eingepfarrt“. Ihre Leistungen „an die Geistlichen“ wurden im Saalbuch (Katasterbuch) des Amtes Detmold getilgt – jedoch im Saalbuch des Amtes Horn nicht eingetragen, denn dort kamen die Wilberger des Nachbaramtes nicht vor. Ergo: die Mastbruch-Wilberger waren kirchensteuerfrei. 

Solches wiederum verdross die „Praestanda“ leistenden Altwilberger im Meinbergischen und nicht zuletzt die „Geistlichen“ der Pfarren auf beiden Seiten. Der sich nun über Jahre hinziehende Fall eskalierte zum Kirchenstreit und wurde gar zur „Chefsache“ der Fürstin Pauline, zumal dies derweil auch die Detmolder Fissenknicker anging. In Meinberg war es zunächst Pastor Plesmann, dann vor allem seit 1810 sein Nachfolger Ferdinand Vette, die kurz entschlossen wieder klare Linien zogen, zumindest im Kirchenbuch. Die „Stammwilberger“ mit Meinberger Kataster- und Hausnummern wurden ausgeblendet und waren künftig Meinberger. Wilberger gab es in Meinberg nicht, Wilberger waren allein die Schönemarker Maßbruchbewohner. Diese wiederum, einstweilen etwas orientierungslos, hatten in Folge des-sen gut lachen, als 1817 die traditionellen Spann- und Handdienste zur Restaurierung des Meinberger Kirchturms eingefordert wurden. Denn im amtlichen Bescheid hieß es: „Die hierher eingepfarrten Wilberger und Fissenknicker leisten keine Dienste.“ Das nahmen die nunmehr ausschließlichen Wilberger mit Schönemarker Pass (wenn es denn einen gegeben hätte) im Amt und Kirchspiel Detmold gern zur Kenntnis!         

Das ehrenbeamtete Grenzgerinnsel im Knick zu Wilberg träufelte derweil friedlich vor sich hin und blinzelte wohl gelegentlich spöttisch im Sonnenlicht, denn aufbrausend wurde es nur bei Tauwetter und lang anhaltendem Regen.

Tauwetter im Kirchenstreit aber gab es nachfolgend erst mit der schrittweisen Ablösung der Naturalleistungen und der Kapitalisierung von Hand- und Spanndiensten. Die Ortszugehörigkeit aber blieb noch eine Weile Anlass zu mancherlei Verwirrung. Man fuhr sich einstweilen auf die Bezeichnungen „Oberwilberg“ und „Unterwilberg“ ein. Es reklamierten aber die beiden staatlichen Mühlen mit dem Ergebnis, dass sich auch postalisch eine Ortschaft „Wilbergermühlen“ mit insgesamt 18 Einwohnern einschlich.

 Dreigeteilt? Niemals! Ein Straßenbauprojekt des nunmehrigen Badeortes Meinberg verärgerte die Wilberger im Revolutionsjahr 1848 dergestalt, dass sie vehement die Autonomie forderten und bei der Regierung in Detmold die Errichtung einer eigenen „Dorfkasse“ beantragten. „Im Namen der übrigen Einwohner von Wilberg“ zeichneten verantwortlich „Müller Böke, Müller Meyer, Kolon Knickmann, Kolon Wilberg, Kolon Beckmann“. Allein Kolon Haase im Wilberge opponierte, selbst als die Dorfvertreter ihr Anliegen „unterm 29. März“ 1848 „Serenissimus“, also „Ihrer Fürstlichen Durchlaucht“ Leopold unterbreiteten. Zwischen der Regierung und dem Amt Horn gab es regen Schriftverkehr, wobei man letztlich, der traditionellen Uneinigkeit vertrauend, den Antragstellern „Müller Böke und Consortium“ auferlegte, sich zunächst im Namen aller Wilberger „zur Ausführung von Beschwerden gegen den übrigen Theil der Bauerschaft zu legitimieren“. - Hatte die ungebrochene Kompetenz des Grenzgerinnsels im Knick wieder einmal heimtückisch zugeschlagen? - Im Namen des Amtes Horn teilte Amtsrat Hausmann mit Datum vom 17. Juli 1848 der Regierung mit:

„Da nun die Dorfschaften Willberg und Meinberg seit langen Jahren eine Gemeinde ausgemacht und letztere nicht nur, sondern selbst der Vorsteher Haase zu Willberg gegen die beantragte Trennung mit gutem Grunde Widerspruch eingelegt haben, so wären Supplicanten ein für allemal abzuweisen.“

Selbst das Angebot der Wilberger, einen eigenen Flurschützen zu bestellen und für die Hudegerechtigkeit einzustehen, beeindruckte die Behörden nicht, sondern: „Bei dem sehr untergeordneten Interesse kann die hartnäckige Verfolgung vorliegenden Gegenstandes nur dem Eigensinn einiger Willberger oder ihres Wortführers beigemessen werden.“

 Mit dem Vorwurf des „Eigensinns“ abgetan, so endete die Wilberger 48er-Revolu-tion. Oder wusste Amtsrat Hausmann zu Horn etwa mehr als die Schönemarker, Wilberger und Meinberger zusammen wenn er daran erinnerte, dass „Willberg und Meinberg seit langen Jahren eine Gemeinde ausgemacht haben“? Er hätte darauf Bezug nehmen können, dass hier ursprünglich zwei Corveyer Höfe diese „Gemeinde“ begründet hatten, die sich später infolge ihrer geographischen Situation getrennt entwickelten - wobei Wilberg noch grenzüberschreitend Siedlungszuwachs vom Nachbaramt erhielt - weshalb sich ihre Bewohner, unterstützt durch zwei von alters her etablierte Namen, als zwei „Dorfschaften“ verstehen mussten.

Die Amts- und Kirchspielgrenze am Siekbach mitten durch das Dorf Wilberg sollte fernerhin noch manche Konfusionen verursachen, wobei die Tatsache, dass zeitweilig selbst der Bürgermeister von Schönemark mit der Schönemarker Nummer 16 mitten in Wilberg ansässig war, noch die geringsten Umstände bereitete, bis die Gebietsreform von 1970 diesen Zustand beendete und dem Dorf eine neue Bürde auferlegte: Es besitzt seither Hornsche Stadtrechte und darf sich als Stadtteil bezeichnen! Eine Herausforderung ganz besonderer Art.

Das nunmehr bedeutungslose Grenzgerinnsel aber mag sich unterdessen mit seinem Ruhestandsdasein versöhnt haben. Selbst die Flachsrotte in „Becks Grund“ hat sich erübrigt, und ein jeder schreitet unbekümmert und gedankenlos darüber hinweg, unbeachtet, namenlos, vergessen.                

                                                                                           Februar 2005, G. W. Wilberg