Wehrkirche „Meinburg“ im Mittelalter

 

         Als die so genannte „Meinberger Tradition“ von den Corveyer Benediktinermönchen verbucht wurde, war der fränkisch – sächsische Krieg bereits ca. 200 Jahre alt, obwohl er mit der angeblichen Taufe Widukinds um 785 in Attigny (?) als karolingischer Sieg gefeiert und zumeist ohne Nachwort als geschichtlich absolviert hingestellt wird. Stattdessen war auch im letzten Viertel des zehnten Jahrhunderts noch kein Ende des Kampfes abzusehen, wie Widukind von Corvey der Nachwelt „kund´ und zu wissen“ gibt. Engern, West- und Ostfalen stritten gegen Franken und Thüringer oder unter sich selbst auch weiterhin um Macht und Territorien, um den alten und neuen Glauben, ungezählte fanden den Tod oder wurden zwangsdeportiert. Die christliche Niederlassung Corvey an der Weser hatte sich angesichts dessen im weiten norddeutschen Raum nur unwesentlich ausbreiten können, dafür aber seine „Filialen“ vor allem in den Frontbereichen der Auseinandersetzungen zunehmend durch Neuerwerbungen verdichtet. Zahlreiche sächsische Edelinge sahen sich genötigt, ihre ererbten Besitztümer aufzugeben und an das mächtige Kloster abzutreten, sie flüchteten oder unterwarfen sich und traten in häufig nicht uneigennütziger Absicht dem Konvent bei.

          Mit der Übergabe der Besitzungen des Ova oder Avo und seines Bruders Bernhardo an der oberen Werre stellt sich auch die Frage nach dem Zeitpunkt des Kirchenbaus im Bereich dieses von den missionierenden Corveyern neu erworbenen Terrains. Da jeder schriftliche Nachweis fehlt, so bleibt allein die erhaltene Architektur Gegenstand dieser Untersuchung. Das Ablesen von Begebenheiten und ihre Wirkungen in dauerhaftem Material leitet allerdings auch Botschaften über unsere Erfahrungszone hinaus, die zweifellos wesentliche Erkenntnisse versprechen, jedoch auch mehr oder weniger experimentelle Resultate nicht ausschließen. Die heute noch zitierte These nach Manier eines frommen Dorfschullehrers von der ersten Holzkirche, dürfte wohl kaum zu halten sein. „Gottes Haus“ wurde nach benediktinischer Maßgabe in Stein gebaut. Holzkirchen entstanden später im befriedeten Raum des Nordens und in Osteuropa, auch wohl in Angelsachsen mit umstrittener Datierung. Als Fachwerkbauten treten sie dann etwa seit dem 16. Jahrhundert gelegentlich in Norddeutschland auf. Dagegen zeugen die festungsartigen Mauern von „Meynburghun“ in exponierter Spornlage oberhalb des Bachverlaufs von schweren und kampfreichen Zeiten.

         Fraglich ist demnach, ob dieses steinerne „Gotteshaus“ in Meinberg anfangs als solches projektiert wurde. Die Erweiterungsbauten nach Süden von 1882 mit Orgelempore sowie nach Norden von 1927 mit Publikumsempore haben den Gebäudekomplex zwar erheblich verändert, jedoch ohne die ursprüngliche Konzeption der Anlage grundlegend zu stören. Diese besteht noch derzeit aus drei nacheinander in fast exakter West-Ostorientierung angelegten selbständigen Baukörpern auf jeweils quadratischem Grundriss von unterschiedlicher Größe. Sie sind durch Wandöffnungen im Inneren miteinander verbunden. Bastionsartig dem Saalbau vorgesetzt dominiert der massige Turm, dessen Pyramidenbedachung nicht ursprünglich sein könnte. An der Westfassade des Turms befindet sich der wahrscheinlich für Jahrhunderte von der Bauerngemeinde benutzte einzige Eingang, ein schlichtes, schmuckloses Portal mit vielleicht nicht originalem scheitrechten Sturz, innen mit Segmentbogen und 1,90 mal 2,45 Metern im Lichten messend, der man den Begriff „Portal“ nur ungern beilegen möchte. Das ca. 1,80 Meter starke Mauerwerk umschließt hier die untere Turmkammer, einen nur 4 mal 4 Meter oder 12 mal 12 Fuß im Quadrat[1] messenden kleinen Raum, der von der Nordseite durch ein Fenster mit sich nach außen verengendem Gewände schwaches Licht erhält. Von diesem verliesartigem Gemäuer führt ein „Tunnel“ mit gedrungenem Tonnengewölbe und einer Scheitelhöhe von nur 3,30 Meter (ca.10 Fuß) in den nachfolgenden „Saal“. Der Durchgang misst in der Breite ebenfalls 3,30 Meter und durchbricht ein fast drei Meter starkes Mauerwerk. Der „Saal“ selbst weist eine Bodenfläche von lediglich 6 mal 6 Meter (18 mal 18 Fuß) auf und ist umgeben von schützenden Mauern mit 2,00 bis 2,20 Metern Wandstärke. Um 45 cm höher als der Turmtunnel im Eingangsbereich, nämlich 3,75 im Scheitel bei gleicher Breite von 3,30 Meter, erweist sich der Durchgang zum „Chor“ oder „Presbyterium“ als geringfügig höher. Die architektonische Situation lässt vermuten, dass dieser im Innenraum nur 5 mal 5 Meter (15 mal 15 Fuß) im Quadrat messende Trakt einem zweiten Bauabschnitt zugehört, womit auf minimalem Raum die liturgiegemäßen Bedingungen für die Nutzung als Kirche erst geschaffen wurden.

         Sämtliche axial aufeinander folgenden drei Räume wurden nun nicht, wie bei romanischen Kirchenbauten im Mittelalter üblich, mit einer flachen Holzdecke oder einem offenem Dachstuhl gedeckt, sondern erhielten ein gemauertes Kreuzgrat- bzw. Klostergewölbe, das unmittelbar auf dem mächtigen, mit Gesims nur 1,45 Meter hohen umlaufenden Sockel – im Chortrakt 1,80 Meter hoch - aufruht. Das enge „Chorquadrat“ oder „Presbyterium“ mit schmalen romanischen Bogenfenstern an Süd- und Nord-wand, schließt im Osten gerade ab, eine Apsis fehlt. Sicher ist indessen, dass vor dem Schildbogen der Ostwand mit (nachträglich eingebautem?) Rundbogenfenster ein Altar aufgestellt war. Unter Berücksichtigung des rückseitig einfallenden Tageslichts wäre eine Mensa mit plastischem Schnitzwerkaufsatz denkbar, bei geschlossener Wand wahrscheinlicher eine gemalte Retabel. Allerdings bleibt die Antwort unserer Fantasie überlassen, da jede Spur fehlt. Nicht so der Nachweis eines Altars, denn seit dem hohen Mittelalter befand sich in der Nordwand des „Chors“ kleinerer Kirchen die Nische mit dem Sakramentsbehältnis. In Meinberg blieb dieses als einziger historischer Ausstattungsgegenstand der Kirche erhalten, allerdings heute, wohl mit Rücksichtnahme auf calvinistische Lehrsätze, wandgleich weiß übertüncht. In diesem „Wandtabernakel“, das sich stets in unmittelbarer Nähe des Altars befand, wurden vor der Reformation die Sakramentalien mit der Hostie verwahrt. Die vergitterte Nische ist eingefasst und bekrönt mit einem hochgotischen Relief, das einen seitlich von zwei schlanken Fialen flankierten Wimperg mit Kreuzrose darstellt. Anstelle einer Kanzel, die erst im 17. Jahrhundert Erwähnung findet, darf man sich wegen Platzmangels eher einen primitiven Ambo vorstellen und an den Seitenwänden zwei einfache Bänke für den Klerus, später den Presbytern oder „Kirchenältesten“ vorbehalten. Der geheiligte Chor war ursprünglich, wie allgemein üblich, auch hier gegenüber dem Niveau des „Saals“ um zwei Stufen erhöht, wovon der jetzt 35 cm höhere Sockel sowie der ebenfalls etwa um ein gleiches höhere Scheitel des Durchgangs als auch das vom heutigen Bodenniveau um ähnliche Maße zu hoch gelegene Wandtabernakel Zeugnis ablegen. Auch eine Chorschranke mag ursprünglich den „geweihten Ort“ vom Saal optisch getrennt und als „Sanktuarium“ ausgewiesen haben, aber vielleicht weniger als eine sonst übliche Scheidung zwischen Priester und Laien.

          Präsentiert sich das äußere Erscheinungsbild des Bauwerks als Kirchenbau, so gibt sich die Innenarchitektur, auch unter Berücksichtigung des ruinösen „Bildersturms“ zur Durchsetzung des reformierten Protestantismus in Lippe nach der Devise „cujus regio, ejus religio“ im Verlauf des 17. Jahrhunderts und nach mehrmaligen Renovierungen (1722, 1736 u.a.) noch heute unschwer als Konstruktion einer befestigten Anlage zu erkennen. Selbst die Erweiterungsbauten von 1882 und 1927 mussten sich dem ursprünglichen Konzept beugen. Vom Turmeingang mit Blick nach Osten hat der Betrachter sich die gotisierten Durchbrüche der Nord- und Südwand geschlossen vorzustellen, wie auch die ca. 90 cm tiefen Blenderweiterungen gleichen Formats in der mächtigen, fast drei Meter starken Trennwand im Westen und der zwei Meter tiefen im Osten mit ihren Schildbögen und nunmehr abgetreppten Laibungen als nicht vorhanden zu betrachten, will er sich den ursprünglichen Zustand vergegenwärtigen. Die als Scheindurchdringung eines Querhauses konstruierten Einbindungen der Erweiterungs-bauten erforderten solche stilistisch geschickte Umstrukturierung der Saalarchitektur, so dass diese sich im derzeitigen Zustand als Vierung mit gebustem Domikalgewölbe darstellt, deren Scheitelgrate nur als Reste in den Zwickeln erhalten sind.

          Noch heute fällt auf, dass die in der Vorromanik – also noch vor dem bisher nicht datierten Bau der Meinberger Kirche – bereits hoch entwickelten Architekturformen (Basiliken, Zentralbauten) christlich-sakralen Inhalts grundsätzlich fehlen. Selbst dem „Sanktuarium“ ist – abgesehen vom kaschierten Wandtabernakel – eine liturgiegerechte Disposition nur schwer zuzuordnen. Es findet sich keine klar durchgreifende Baustruktur mit imaginativen Eigenschaften oder spiritueller Bezugnahme, keine erhaben durchkonstruierte Raumgestaltung charakterisiert die Absicht, kultisches Geschehen zu vermitteln, auch kein Motiv aus dem damals bereits reichen Reservoir biblischer Metaphorik ist erkennbar. Nicht die Spur eines christlichen Symbols, einer Säule, eines Stufenportals, eines Bogens, nicht der Rest einer Konsole, einer Ädikula oder eines ornamentierten Frieses. Erst recht keine Spur von Wandmalerei oder der benediktinischen Antizipation des Himmlischen Jerusalems (Urbs Jerusalem beata), denkt man nicht an ein Refektorium, an eine Aula oder an den quadratischen Grundriss. Nicht selten sparen dagegen vergleichsweise kleine Dorfkirchen keineswegs mit Relikten dieser für die Religions- und Kunstgeschichte so bedeutungsvollen Gestaltungselemente, sei es an Portalen und Fenstern oder bei der Innenraumausstattung. Die so überzeugend komprimierten „Bauenergien“ romanischer Kirchenarchitektur, diese Mischung aus byzantinischer, römisch-ravennatischer und nordischer Formensprache mit spirituell-liturgischer Ausrichtung fehlt der kleinen Meinberger Kirche vollends. Radikal getilgt ist auch das Wissen, welchem Heiligen die Kirche einst geweiht war, schlicht ausgeblendet ihre frühe Geschichte.

        Das Bauwerk macht sich stattdessen mit seinen wuchtigen und engen Burgkellergewölben des ursprünglich profanen Zweckbaus verdächtig. Es beeindruckt vielmehr als, wenn auch auffallend kleine, so dennoch ausnehmend massive Sicherheitszone und verspricht mit seiner sie talseitig umgebenden Mauer Zuflucht, Schutz und Geborgenheit bei drohender Gefahr, und dies eher noch als Verteidigungsbereitschaft. Schließlich ist die architektonische Form grundsätzlich auch Instanz des Inhalts.

        Diese, mit urtümlichen stilistischen Merkmalen des Festungsbaus bis hin zum 16. Jahrhundert aufwartende Anlage, diese Zusammenballung wehrhafter Baumasse auf engstem Raum, stellt die vereinfachte Vorstellung einer „spätromanischen Kirche“ ernsthaft in Frage. „Romanisch“ – ob nun früh- hoch- oder spätromanisch - dieser epochal verengende Begriff aus dem 19. Jahrhundert, wonach der bereits seit dem Ende der Antike aufblühende Baustil der kunstgeschichtlichen Periode von ca. 1000 bis 1300 n. Chr. zugewiesen wird, dürfte als Bauzeitbestimmung für die Meinberger Kirche kaum befriedigen. Die Analyse des Baubestands unterstreicht hingegen den Verdacht, das hier ursprünglich, in der unruhigen Zeit der gewaltsamen Christianisierung im hohen Mittelalter, ähnlich den norddeutschen Backstein-Dorfkirchen, ein kleines Kastell als Befestigungswerk angelegt wurde, in dessen Rahmen sich das oben so genannte „Presbyterium“ oder der kleine „Chor“ als Kapelle erklärt. Solche Burgkapelle, die nicht nur Andachtsraum für Messe lesende Corveyer Mönche, sondern auch Taufkapelle für manchen bekehrten Sachsen gewesen sein mag, würde sich damit als früheste „Kirche“ in „Meinburg“ ausweisen, lange bevor der gesamte Baukomplex mit Wehrturm als „Gottes Haus“ die heranwachsende christliche Gemeinde zur Predigt rief. Schon 1926 hat W. Butterweck darauf hingewiesen, dass dieses Gebäude bereits auf das Jahr 836 datierbar sei.[2]

        Sollte dieses vermutlich von den Corveyer Benediktinern errichtete wehrhafte Glaubensmonument „Meynburghun“ etwa Ova und seinen Bruder Bernhardo gezwungen haben, der ecclesia militans, den mit kaiserlicher Vollmacht und bewaffneter Unterstützung mächtigeren christlichen Missionaren an der Weserabtei „alles“ zu überlassen, was sie hier (und in der Umgebung) besaßen, (quidquid habuerunt), wie es die Abschrift der „Corveyer Traditionen“ der Zeit von 963 bis 1025 durch Johannes von Falkenhagen aus dem Jahr 1479 überliefert? Handelt es sich um „irgendeine Bannbuße“ die zu leisten den Brüdern nach den neuen Gesetzen des Lex Saxonum auferlegt war?  Die Antwort muss offen bleiben.

         Die Geschichte der Burgkirche zu Meinberg im hohen Mittelalter bleibt mangels Dokumente im Dunkeln, mit Ausnahme dessen, was die erhaltenen Mauern auszusagen vermögen. Wir wissen weder etwas über eine Holzkirche noch von der etwaigen Ausstattung mit Glocke, Orgel oder Taufstein, wobei die äußerst geringen Maße des Innenraums eine Vorstellung davon erheblich erschweren. Auch bleibt unbekannt, ob das Gebäude sogleich als Kirche konzipiert und genutzt wurde.

        Das „Liber vitae“, eine Mönchsliste aus der Mitte des 12. Jahrhunderts, klärt nun überraschend darüber auf, dass eine Kirche in „Meynburch prope Horn“ der Diözese Paderborn angehört! Aus einem weiteren Dokument geht hervor, dass Wedekind von Spiegel zum Desenberge, Abt von Corvey (1185 – 1205) und Bernhard III. von Ösede, Bischof zu Paderborn (1203 – 1223) im Streit um den Desenberg (bei Warburg) im Jahr 1203 vereinbart haben, dem Kloster Corvey von 60 Mansen (Höfen) der Paderborner Diözese den Zehnten zu „verleihen“,  von denen 10 Mansen in Heesten und 28 Mansen in Meinberg gelegen sind. Wahrscheinlich handelt es sich um die bereits im „Registrum Erkenberti“ um 1115 genannten 21 Pertinenzien“ der (jetzt ehemaligen?) Corveyer Kurie Meinberg, deren Anzahl sich demnach um 7 auf insgesamt 28 erhöht hätte. Aber eine Kirche findet auch hier keine Erwähnung. Erst im Jahr 1231 wird im Paderborner Dom-Thesaurusiale (systematisch geordnetes Sammelwerk) des Archidiakonats neben den Kirchspielen Detmold, Heiligenkirchen, Blomberg, Heiden, Lage u.a. auch Meinberg genannt. Bemerkenswert ist, dass seit 1227 Bernhard IV. zur Lippe das Paderborner Episkopat innehat. Sicher scheint indessen, dass die Corveyer Güter im Kirchspiel Meinberg längst von den Lippischen Edelherren okkupiert waren, während ihnen das Kollationsrecht an der Kirche zu Meinberg weiterhin zustand. Mit der Lippischen Eroberung verbunden waren in der Regel Neubesetzungen der Höfe durch landesherrschaftliche „Meier“. Auch ein „Ritter“ und Hofbeamter Wilberg (zum Wilberge?) wäre damit seines Lehens verlustig gewesen. Das ihm anstelle seines von Corvey der „Curia Meginberken“ beigegebenen Lehens ein anderes Gut (in Herrentrup?) zugewiesen wurde, ist denkbar.

        Die Kirche zu Meinberg aber tritt erst mit einer Urkunde vom 17. September 1315 wieder ins Blickfeld der Forschung. Zu den Unterzeichnern eines Vertrags, wonach dem Marienkloster in Lemgo verschiedene Güter übereignet werden, zählt Pfarrer Gottfried zu Meinberg. Dass auch Besitztum der Pfarre Meinberg zu den veräußerten Objekten gehörte, ist unschwer zu erkennen. Die Vermutung einer solchen Transaktion wird unterstützt durch das Auftreten eines Angehörigen der Lemgoer Familie Oldendorp im Kirchspiel Meinberg, später bezeugt als Meier Oldendorp zum Wilberge.

        Nach der so genannten „Lippischen Teilung“, beurkundet am 16. Oktober 1344, werden Meinberg, Reelkirchen (ohne das fast mit ihm zusammengesiedelte Herrentrup?) und Cappel dem Edlen Herrn Otto zur Lippe „diesseits des Waldes“ zugesprochen mit dem nicht unbedeutenden Vermerk, dass er diese erst (von Corvey?) einzulösen habe, während sein Bruder Bernhard „jenseits des Waldes“ die Stadt Horn erhält. Ob die lippische Eroberungspolitik in dieser von rivalisierenden Kräften umstrittenen Grenzregion auf Gegenliebe oder Misstrauen und Hass der eingesessen Bauern stieß, ist nicht überliefert. Die Machtkämpfe der dem zisterziensischen Regelwerk nahe stehenden Lippischen Dynastie - zeitweilig von Paderborn protegiert, dann wieder bekämpft - mit den mächtigen Benediktinern zu Corvey, haben Meinberg und seine Kirche in eine prekäre Situation zwischen den Fronten versetzt, deren Folgen bis in die Gegenwart erkennbar geblieben sind. Fraglich bleibt indessen, ob die Kirche „Meinburg“ dem um sie herum gewachsenen Gemeinwesen ihren Namen gab. Wenn auch fast jede Beurkundung oder andere authentische Überlieferung des mittelalterlichen Meinbergs fehlt, so ist als Nachweis des christlichen kultivierungs- und Missionswerks das steinerne Denkmal seiner Kirche anschauliches Zeugnis geblieben.

              

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Bildlegenden zur Wehrkirche (folgende Seiten)

 

 

  1. Die Kirche zu Bad Meinberg, Ansicht von Norden etwa um 1880 (?). Ein massiger Turm mit kleinem Saalbau, dessen äußeres Erscheinungsbild die tiefen Gewölbe im Innern kaum vermuten lässt. Die hier erkennbaren zwei schmalen, ungleichen Fenster sind stilfremde Ergänzungen aus jüngerer Zeit (1736, gleichzeitig mit verfremdender Erneuerung des Turmportals mittels Sandsteinsturz?). Nicht sichtbar ist der kleine Choranbau, der sich links anschließt, vielleicht zunächst als Kapelle („Klus“) gedacht, dürfte sie die erste „Kirche“ in Meinberg gewesen sein. In seinen wesentlichen Teilen präsentiert sich das Bauwerk noch im mittelalterlichen Zustand, Turmhaube und Satteldach wurden allerdings mehrfach erneuert. Nimmt man die heute den alten „Kirchhof“ einfassende talseitige „Ringmauer“ hinzu, werden die Vorraussetzungen einer ursprünglich wehrhaften Anlage deutlich.     (Foto: Archiv Wilberg, koloriert vom Verf.)

 

  1. Blick von dem nur 6 mal 6 Meter im Lichten messenden „Saal“ in den „Chor“ (5 mal 5 Meter i. L.). Vor dem Fenster der ehemalige Standort eines Altars. Der Fußboden wurde um zwei Stufen auf die ebene des Saals gesenkt, sodass die Scheitelhöhe des Durchgangs jetzt 3, 75 Meter beträgt. Das Gewölbe ruht, wie in den übrigen Gebäudeteilen, unmittelbar auf dem Sockel auf. An Nord- und Südseite befindet sich je ein Fenster, an der Nordwand (links) das Tabernakel. 

 

  1. Blick vom „Saal“ in das Turmgewölbe mit ursprünglichem Eingang. Der Tunnelartige Durchgang mit einer Mauerstärke von 3 Metern besitzt eine Scheitelhöhe von nur 3,30 Meter. Der in das Mauerwerk etwa 90 cm tief eingelassene gedrückte Spitzbogen mit Schildwand ist eine durch die Erweiterungsbauten von 1882 und 1927 erforderlich gewordene, jedoch mit ihrer Wirkung optischer Raumerweiterung eine gelungene architektonische Lösung. Der „Saal“ erweckt nunmehr den Eindruck einer Vierung.

 

  1. Durchblick vom „Saal“ in den 1882 errichteten Südanbau mit Orgelempore. Zur Veranschaulichung des Urzustands ist der Wanddurchbruch in der Mitte mit seiner Mauerstärke von ca. 2 Metern geschlossen vorzustellen. Im Winkel links die heutige schlichte Kanzel.

 

  1. Das kuppelartige, schlichte Gewölbe ohne Vergurtung stellt sich beim diagonalen Durchblick (Nordost – Südwest) höchst wirkungsvoll als Burgunterkellerung oder gar eines Weinkellers dar und schließt den Gedanken einer sakralen Nutzung nahezu aus. Rechts der Durchgang zum Turmgewölbe mit ehemaligem Haupteingang. Links: Durchbruch zum südlichen Erweiterungsbau von 1882.           

 

     6.    Wandtabernakel  im „Chor“ mit  Metall-Gittertürchen  aus  vorreformatorischer Zeit.                       

      Das an  der Nordwand  rechts  neben dem  Fenster eingelassene Sakramentshäuschen 

      mit  erhabener Fassung  und spätgotischer reliefierter Bekrönung ist weiß übertüncht.

      Ein  kleiner  Wimperg  mit Kreuzblume  wird  von  zwei  schlanken  Filialen  flankiert.

      Anstelle  der Krabben  wurden  florale Motive bevorzugt. Helme und Kreuzblume ver-

      decken einen im Mauerwerk eingelassenen Sturz, dessen  ursprünglicher Zweck  nicht 

      mehr erkennbar ist. (Vielleicht Nische für ein älteres Tabernakel an gleicher Stelle?)

 

7.   Unten rechts: Zum Vergleich ein Sakramentshäuschen aus Eichenholz in Wandnische 

      vom 12.-13. Jahrhundert, Berlin, Nicolaikirche.                Fotos: Günther W. Wilberg, 2005

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 



[1] Die mittelalterliche Maßeinheit benediktinischer Bauten war der vom antiken Alexandria übernommene Fuß von 0,3329 Metern Länge. Desgleichen erweist sich der quadratische Grundriss als bautypisch für die Benediktiner. Mehrere Quadrate (Joche) gereiht bilden das Langhaus einer Kirche. Die Methode wurde auch von anderen monastischen Kongregationen übernommen.

[2] W. Butterweck, Die Geschichte der Lippischen Landeskirche, Schötmar 1926, mit Verweis auf Lippische Intelligenzblätter 1768, S 841.